Der SPIEGEL von Montag kommt als E-paper immer schon am Samstag Abend um 22:00 heraus. Da ich weiss mit welchem Recherche- und Dokumentationsapparat die Kolleginnen dort arbeiten (können), warte ich gerne ab, was dort bereits bekannt ist und welche Themen aufgegriffen werden, bevor ich selbst weiter in die Tiefe steiige. Werde also im Folgenden versuchen, einige bisher (mir) nicht bekannten Fakten zu gliedern und hier einzustellen. Dabei bleibe ich bei den bisher gesetzten Schwerpunkten:
Wenn im Folgenden nicht anders angegeben, beziehen sich alle Fakten und Zitate auf den erwähnten SPIEGEL (31 / 2010). Wir erfahren, dass es eine Veranstaltungsbeschreibung der Lopavent vom 16. Juli 2010 für die Loveparade in Duisburg gibt. Darin wird die kleine Rampe ausschliesslich als Ausgang ausgewiesen. Wir kennen jetzt auch die Masse der Hauptrampe:
26 Meter breit und 130 Meter lang: Zitat aus der Beschreibung der Veranstaltung durch Lopavent: “Der breite, mittlere Zugang wird sowohl als Ein- wie auch als Ausgang genutzt”.
In zurückliegenden Beiträgen hier auf ”Triumph and Disaster” haben wir die “Wegekonzeption” als Teil des Sicherheitskonzeptes von Stadt und Lopavent beschrieben. Jedenfalls sofern sie sich uns aus vorliegenden Plänen erschloss. Wir haben auch versucht, die Widersprüche und Veränderungen in diesen Plänen darzustellen. Nach diesen zitierten Plänen waren wir vom Begriff der “Einbahnstrassen” mit möglichst kreuzungsfreien, voneinander getrennten Richtungsfahrbahnen ausgegangen.
Diese Sichtweise müssen wir jetzt, jedenfalls ab der Passage der Vereinzelungsanlagen und dem Betreten des Veranstaltungsgeländes der Loveparade Duisburg korrigieren. Dies nicht unbedingt für Planung und Pläne in jedem Fall aber für die Realität am Veranstaltungstag der Loveparade, Samstag dem 24. Juni 2010.
Wir waren urban und auf städtische Strassen fixiert. Das von Lopavent praktizierte Verkehrsmodell stammt aber aus der (Binnen(schiffahrt):
Dazu passend appostrophieren die SPIEGEL KollegInnen den jetzt (neu) eingeführten Lopavent-Mitarbeiter als “Schleusenwärter“. Im hippen Crew-English der Loveparade trägt er die Berufsbezeichnung “CrowdManager“. Diesen “Manager der Massen” führt der SPIEGEL nach einem Zitat von Dirk Oberhagemann ein. Der validiert für das Bundesforschungsministerium “Risiken bei Grossveranstaltungen“. Nachdem Lopavent ihn nicht in die Nähe der Rampe liess, filmt Oberhagemann von ziemlich weit weg: dem 14. Stock eines Hochhauses. (Nicht ganz klar ist mir ob es das gleiche (Hoist) Gebäude ist, in dem die Pressesprecher im 17. Stock sitzen. Das Video zum Bezug des Pressezentrums und damit zu Oberhagemanns möglichem Blick aufs Gelände ist hier: “Noch 1Tag: Blick auf das Loveparade Gelände vorletztes Video auf der Seite.
Jetzt aber zu nächsten Akt: Zitat Oberhagemann und Auftritt CrowdManager / Schleusenwärter:
“Man hätte niemals zulassen dürfen, dass der eine Weg als Zu- und Abgang genommen wird, das Ganze konnte ja nicht gut gehen.”
“Damit es trotzdem gutgeht, dafür sass um diese Uhrzeit (11:00 Uhr L.E.) schon der Crowd-Manager in seinem Container. Der Mann ist Psychologe, ein Experte für Extremsituationen, an diesem Tag aber musste er im Auftrag der Lopavent eher so etwas wie ein Schleusenwärter sein. Ein virtuoser Schleusenwärter, einer, der sich keinen Fehler erlauben darf. Und neben ihm im Container: ein Verbindungsbeamter der Polizei. Zu zweit schauten sie auf ihre Monitore. Sie konnten sich die Bilder von 16 Kameras ansehen, sie hatten beide Zugänge im Blick, Osttunnel, Westtunnel, die Ausgänge aus den Tunneln auf die Rampe, die Rampe selbst, einfach alles.
Von hier aus sollte der Crowd-Manager den Strom der Raver steuern, sollte Anweisungen geben, wann die Security-Kräfte und notfalls auch Polizisten eine Schleuse schliessen mussten, damit nicht zu viele Besucher in den Tunnel drängten, und wann die Schleusen wieder aufgehen konnten.
Seine wohl schwierigste Aufgabe bestand aber darin, Raver aus dem Gelände herauszulassen, solange andere noch zu Tausenden hineindrängten. Dazu hätte er immer mal wieder stoßweise den Fluss an einer Schleuse drosseln müssen. So wäre es leerer geworden, wäre Platz geblieben für den Gegenverkehr der Abwanderer. Doch gleichzeitig verlängerte der Crowd-Manager damit natürlich auch den Stau vor den Eingangsschleusen. Ein Dilemma – und bei Hunderttausenden Besuchern eine schier übermenschliche Aufgabe.
Das in der Darstellung des CrowdManagers eingeführte “Prinzip Schleuse” scheint -man mag es kaum glauben- für Tunnel und Rampe die einzige Wegeplanung der Sicherheitskonzeption zur Loveparade Duisburg gewesen zu sein. Jedenfalls die einzige, die ein zentraler Funktionsträger des Veranstalters kennt.
Nun ist dieses Prinzip aber leider gar keine Planung und schon gar kein Konzept. Vielmehr handelt es sich um blosse Beschreibung von Funktion und Delegation. Die Lopavent GmbH hat also -es sei denn wir lesen demnächst sehen bald andere Dokumente, - Verantwortung und Steuerung für die “Crowd” an dieser zentralen Stelle ohne Konzeption und Planung an einen einzelnen Mitarbeiter, den CrowdManager delegiert. Der soll das konzeptionell nicht beschriebene auf dem Gelände nicht abgebildete Wegekonzept schon richten. Der Psychologe für Extremsituationen hat aber offensichtlich als er den Job übernahm geglaubt es schon richten zu können. Wie wir jetzt wissen, konnte er nicht. Und verabschiedet sich gegen 16:00 Uhr aus dem Job, jedenfalls nach Darstellung des SPIEGEL: “ Um 16:00 so meint der CrowdManager habe er dann alles der Polizei übergeben und die das Commando übernommen.”
Dann hören wir noch, dass die Polizei das anders sieht. Den Blick aus den 16 Kameras schauen wir uns aber besser live am Sonntag Abend an. Jedenfalls: die Funktion der Zugangssteuerung hat die Loveparade Orga damit bereits um 16:00 abgegeben. Fragt sich nur ob davon der Krisenstab etwas mitbekommen hat.
Damit komme ich zu einer unvollständigen Liste offener Fragen auch nach SPIEGEL Lektüre:
Oder eben auch nicht…