Crowd Manager Carsten Walter schweigt zur Loveparade Katastrophe. Das ist weder originell noch unverständlich. Kein Wort also, nicht mal mit einem Anwalt, redet Walter mit Kripo oder Staatsanwälten. Sollen die doch ohne sein Hilfe herausfinden, was schief gelaufen ist.
Zu Schweigen ist Carsten Walters gutes Recht.
Für potentiell Verantwortliche gibt es schliesslich das Recht auf Aussageverweigerung (§55 StPO). Das ist eine hohe Errungenschaft und geht völlig in Ordnung. Die wenigsten dieser Schweiger erhalten jedoch Gelegenheit exclusiv via SPIEGEL ihre Sicht der Dinge unter die Leute zu bringen. Diplom Psychologe und Crowd Manager Carsten Walter schafft das. Schliesslich plagt ihn die Verantwortung.
Manchmal bin ich sehr konservativ: wer die Aussage bei der Polizei verweigert, sollte seine Verteidigungsstrategie auch nicht per Nebelkerze im SPIEGEL fördern können. Schon gar nicht sollte er weniger hart befragt werden, als jeder andere Profi. Genau das geschieht aber im SPIEGEL Gespräch mit Carsten Walter. Die Fragen der SPIEGEL Repoerter sind mehr als zurückhaltend. Gerade wird dies von SpiegelOnline noch getoppt:
Spiegel Online: Carsten Walter, Leiter des Eingangsbereiches auf der Loveparade in Duisburg als Opfer im SPIEGEL - Gespräch: "Angst um mein Leben..."
Das geht nun wirklich zu weit! Zunächst:
Der SPIEGEL versäumt seit zwei Wochen eine Beziehung zwischen Carsten Walter als Leiter des Bereiches Einlass und dem verantwortlichen Leiter für Sicherheit und Ordnerdienste bei Lopavent Lutz Wagner herzustellen. Dabei stammen beide aus dem Dunstkreis der gleichen Sicherheitfirma. Die dementiert auf ihrer Webseite zwar wortreich diese Positionen bei Lopavent besetzt zu haben. Bei der geschickten Gestaltung von Verträgen als Honorar oder Werkvertrag dürfte das kein grösseres Problem darstellen. Lopavent Sicherheitschef Wagner und Einlass Leiter Crowd Manager Walter präsentieren das Konzept jedenfalls gemeinsam mit weiteren Angestellten der Lopavent auf dem von Walter erwähnten Treffen. Kaum zu glauben, dass ein Experte wie Carsten Walter nicht auch seine konzeptionellen Fähigkeiten in diese Präsentation eingebracht hat.
Walter wird im Protokoll des Treffens als “Abschnittsleiter mit Zugriff und Weisungsrecht auf 150 Ordner” beschrieben. Das sind angesichts der Sensibilität des Eingangsbereiches nur 10 % aller Ordner , also nicht sehr viele viele. Das gilt besonders, wenn man den Tag in Schichten einteilt. Immerhin sollte der Einlass ab spätestens 11:00 offen sein und bis deutlich nach Mitternacht zum Verlassen des Loveparade geländes geöffnet bleiben. Mir scheint das schon vom Konzept her eine deutliche Unterbesetzung für zwei Einlasskontrollen mit Vereinzelungsanlagen, die Wege durch zwei lange Tunnel, eventuell die Sperrung und Einteilung der Rampe, Schutz von Treppe und Masten und nicht zuletzt “pushen” von Besuchern über die Float Strecke in den hinteren Veranstaltungsraum. Crowd Experte Carsten Walter scheint diese Konzept zum Zeitpunkt seiner Präsentation aber mitgetragen, vielleicht sogar miteentwickelt zu haben. Eine Frage des SPIEGEL zu diesem Konzept hätte gewiss nicht geschadet.
Abschnittsleiter Carsten Walter sichert nach dem Protokoll des Treffens folgende Bereiche des Loveparade – Sicherheitskonzeptes mit seiner Ordnertruppe ab:
Sogar noch einiges mehr. Man kann das nachlesen.
Für Walters Bild auf die Lage sind 5 der insgesamt 17 Kamerapositionen relevant:
Eine (Kamera 13) steht über dem Führungscontainer mit Blick auf die Rampe. Eine (Kamera 4) filmt vom Ende des alten Bahnhofs. Liefert also den umgekehrten Blick zu Kamera 13: man sieht auf Walters Führungscontainer und die Wand hinter Carsten Walters Container mit den grossen Hinweisschildern. Zwei Kameras (15 und 16) stehen jeweils an einer der beiden äusseren Ecken der Rampe. Eine (Kamera 12) steht auf der rechten Rampenböschung. Dann zwei weitere wichtige Perspektiven: Kamera 14 und 17 schauen auf je eine der Vereinzelungsanlagen vor den beiden Tunneleingängen.
Von diesen Perspektiven des Carsten Walter, und wohl auch seiner Einsatzleitung sowie einiger Personen mehr, sehen wir seit einer Woche Bilder von höchstens zwei Kameras, nämlich 13 und 15.
Warum nur zwei Kameraperspektiven, lieber Spiegel?
Gibt es für diese Zurückhaltung eine logische Erklärung?
Oder stimmt die naheliegenste Begründung: SPIEGEL, wie auch alle anderen die Bilder aus den Überwachungskameras verbreiten, erhalten von interessierter Seite vorsortiertes und interessiert zusammengestelltes Material. Statt dies klar zu stellen und die Quelle wenigstens geschützt zu nennen, wird uns dieses PR Material als hart recherchiert und quasi dokumentarisch verkauft.
Fällt sonst niemand auf, dass wir fast ausschliesslich Polizisten zu sehen bekommen? Da sprangen aber gleichzeitig Carsten Walters per Bündelfunk gesteuerte Ordner mit oder ohne Funkgerät, mit oder ohne Instruktionen ihres Abschnittleiters herum.
Hat jemand diese von Walter eingesetzten Ordner gesehen?
Fragen, die leider weder der Spiegel der letzten, noch der dieser Woche beantwortet oder auch nur erhellt.
Es gibt weitere Fragen, die man spätestens dann stellen sollte, wenn nach SPIEGEL und BILD demnächst noch die BUNTE eine Homestory mit Diplom Psychologe Carsten Walter bringt: “Zu Hause beim Crowd Manager…” Aber, lieber SPIEGEL, vielleicht erlaubt Herr Walter ja Nachfragen…
Wer ein wenig Ahnung von Events dieser Grössenordnung hatte, musste spätestens gegen 15:00 Uhr sehen, dass der Zu- und Abgang gefährlich voll wurde. Hier wäre es einerseits notwendig gewesen, den Rampenausgang freizuhalten. Man hätte dazu die Musik der Trucks dämpfen und über deren Lautsprecher organisatorische Durchsagen zum besseren Verteilen auf dem Gelände machen müssen. Wenn überhaupt hätte diese Massnahme gegriffen. Mit Polizeiketten, richtig oder falsch aufgestellt, war die Situation jetzt nicht mehr zum Guten zu wenden.
Dazu hätte Carsten Walter den Lovepaarde Sicherheitschef und Vertrauten Lutz Wagner anfunken müssen. Ist das geschehen? Durfte Wagner Durchsagen über die Floats machen? Oder musste er erst um Erlaubnis fragen? Hat diese Idee jemals existiert? Ist niemand darsuf gekommen? Hat jemand die Idee kassiert? Dazu spricht bis heute niemand. Die Beteiligten mauern. Lopavent hatte jederzeit die Möglichkeit, Durchsagen über die Floats zu machen. Ausserdem gab es zwei freie Leitungen für Telefonkonferenzen mit Krisenstab, Polizei und wem auch immer. Da an der Spitze wäre zu handeln gewesen. Ist das versucht worden? Oder deckt Walter die Lopavent Leitung?
An die Arbeit SPIEGEL! Es bleibt viel zu tun!