Feb 04 2008
Me-ti I: Kin-Jeh über die Liebe…
I lived a passionate love for the last five weeks. This love, for reasons not to be mentioned here, is now terminated or at least interrupted. We used to exchange our views in quoting lyrics and prose a lot. As I could not find my issue of Bertolt Brecht: “Me-ti / Buch der Wendungen” for a while “Kin-Jeh on Love…” was not yet included into our intense exchange during these five weeks. So here it is especially for you A.:
Kin-Jeh über die Liebe
Ich spreche nicht über die fleischlichen Freuden, obgleich über sie viel zu sagen wäre, noch über die Verliebtheit, über die weniger zu sagen ist. Mit diesen beiden Erscheinungen käme die Welt aus, aber die Liebe muss gesondert betrachtet werden, da sie eine Produktion ist. Sie verändert den Liebenden und den Geliebten ob in guter oder in schlechter Weise. Schon von aussen erscheinen Liebende wie Produzierende, und zwar solche einer höheren Ordnung. Sie zeigen die Passion und Unhinderbarkeit, sie sind weich ohne schwach zu sein, sie sind immer auf der Suche nach freundlichen Handlungen, die sie begehen könnten (in der Vollendung nicht nur zum Geliebten selber). Sie bauen ihre Liebe und verleihen ihr etwas Historisches, als rechneten sie mit einer Geschichtsschreibung. Für sie ist der Unterschied zwischen keinem Fehler und nur einem Fehler ungeheuer - welchen Unterschied die Welt ruhig vernachlässigen kann. Machen sie ihre Liebe zu etwas Ausserordentlichem, haben sie nur sich selber zu danken, fallieren sie, können sie sich ebenso wenig mit den Fehlern des Geliebten entschuldigen wie etwa die Führer des Volks mit den Fehlern des Volks. Die Verpflichtungen, die sie eingehen, sind Verpflichtungen gegen sich selber; niemand könnte die Strenge aufbringen in Bezug auf die Verletzungen der Verpflichtungen, die sie aufbringen. Es ist das Wesen der Liebe wie anderer grosser Produktionen, dass die Liebenden vieles ernst nehmen, was andere leichthin behandeln, die kleinsten Berührungen, die unmerklichsten Zwischentöne . Den besten gelingt es, ihre Liebe in völligen Einklang mit anderen Produktionen zu bringen; dann wird ihre Freundlichkeit zu einer allgemeinen, ihre erfinderische Art zu einer vielen nützlichen und sie unterstützen alles Produktive.
Die Me-ti Geschichten von Bertolt Brecht habe ich zuerst 1973 gelesen. Dann alle paar Jahre wieder. Bei jedem Lesen waren mir völlig andere Geschichten aus dieser Sammlung wichtig. Doch diese hier, “Kin Jeh über die Liebe…” hat sich über die Jahre zu einem mich kontinuierlich begleitenden Wegweiser entwickelt.


