Sascha K. (20) auf den Titelseiten der Boulevardpresse:
postmortem.
Verhungert neben seiner ebenfalls abgemagerten Mutter Elisabeth (48) in Speyer. “Keinerlei Lebensmittelvorräte” habe man in der penibel aufgeräumten Zweiraumwohnung gefunden, vermerkt der Polizeibericht. Ein Kunde weniger für die Gesellschaft für Arbeitsmarktintegration Vorderpfalz-Ludwigshafen (GfA) . Die war für Sascha K. zuständig. Irgendwie. Zuständig in jedem Fall für die Arbeitsmarktintegration der “Bedarfsgemeinschaft”, die Sascha zusammen mit seiner Mutter für die AfA darstellte. Eine Kundenbeziehung eben, in den engen Grenzen des Firmenauftrages. Jetzt ist “König Kunde” verhungert und nach Monaten des Schweigens und der Einsamkeit Familie K. erneut Gegenstand öffentlichen Interesses: der Boulevardjournalisten, Verbandspressesprecher und (hoffentlich nicht) auch noch der Damen und Herren Talkmaster nach Genesung der Mutter. Unter Erklärungsnot: Afa und Stadt Speyer: “Irgendeine Auffälligkeit war für uns nicht erkennbar“, fasst der für die “Kunden” in Speyer zuständige Geschäftsführer Hans Grohe zusammen: “wir können uns keine Hausbesuche leisten”“.
Das ist natürlich flott dahin gelogen. Selbstverständlich veranstaltet die GfA Hausbesuche. Die dienen jedoch nicht der Kundenbindung sondern -wie bezeichnet man das Gegenteil-?
“Kundenvergraulung”?
Grohe zur Seite steht der Bürgermeister von Speyer Hanspeter Brohm: “die Passivität der beiden hat den Tod des jungen Mannes verursacht“. Er, Brohm sei aber umgehend zu Frau K an das Krankenbett geeilt und habe ihr Wohnung und Geld versprochen.
Feudalismus: einem deutschen Bürgermeister (immer noch?) vertrauter als kommunale Dienstleistung?
Soweit ich weiss, kann man sich kaum dagegen wehren, von der Arbeitsverwaltung als “Kunde” bezeichnet und mit entsprechenden Kundennummern versehen zu werden. Mögen jene Spindoctoren, die solche Euphemismen in “Hartz IV” formuliert haben, an ihren eigenen Begriffen ersticken.
Saschas einsamer Tod in Speyer verweist jenseits aller Sensationsgier und Empörung auf den gefährlichen Strukturwandel nach Hartz IV: die Kommunen sind froh, ihre arbeitsfähigen Sozialhilfeempfänger an die Arbeitsverwaltung abspielen zu können. Diese regelt Kundenbeziehungen mit denjenigen, die stark und leistungsfähig genug sind, im bürokratischen Zirkus nach Hartz IV durchzuhalten.
Bei diesem Scenario gibt es einen grossen Verlierer: diejenigen, die diesem Spiel nicht gewachsen sind. Für sie gabe es früher ein Rückfahrticket in die Welt der Fürsorge. Rechtlich ist die Sozialhilfe auch heute für sie zuständig. Zuständig für diese rückkehr aus der Sackgasse fühlt sich dafür, nicht nur in Speyer: niemand.
“Tutto a posto, niente in ordine!â€.
Wer aus der Kundenkartei der ARGEs aussortiert ist, und keinen neuen “Laden” findet, beendet seine Existenz im Radar der Sozialbürokratie. Das kann auch mit dem physischen Exitus enden.
Gefahr erkannt, Gefahr gebannt?
Nicht ganz! Hans Grohe und Hanspeter Brohm ahnen immerhin, dass Ihr (unser?) Geschäftsmodell noch die eine oder andere Optimierungsmöglichkeit vertragen könnte:
“Vielleicht müssen wir von uns aus auch in anderen Fällen doch aktiver werden“, stammelt Grohe.
Künnt wohr sinn…, sagt der Kölner.
English summary:
Last week Germanys media covered the story of a 20 year old starved to death beside his 48 year old mother in the German City of Speyer. Since autumn 2006 both had no longer applied to lokal authorities. They had ended there social live. Now, postmortem we see them on the front pages of Germanys tabloid newspapers.
The article quotes some officials, among them the mayor of Speyer. Plus: some analytic remarks, how this spectacular case relates to changes of legislation on unemployment benefits and social security known here in Germany under the topic “Hartz IV”.
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Background:
Forum der Süddeutschen mit Kommentaren anderer GfA Kunden: SZ
Besuch in Speyer von Harald Biskup (Kölner Stadt Anzeiger): KSTA