… im Nachklang: Rilke

Im Nachklingen zum Wochenende stöbere ich und finde das folgende wunderbare Rilke Gedicht:

Ich liess meinen Engel lange nicht los

Ich liess meinen Engel lange nicht los,
und er verarmte mir in den Armen
und wurde klein, und ich wurde groß:
und auf einmal war ich das Erbarmen,
und er eine zitternde Bitte bloß

Da hab ich ihm seine Himmel gegeben, -
und er liess mir das Nahe, daraus er entschwand;
er lernte das Schweben, ich lernte das Leben,
und wir haben langsam einander erkannt…

…vom Pfade ängstlicher Seelen wegführt…

Mit P. auf dem bewegenden Kongress “Polyamory” von Donnerstag bis Sonntag.
Gerade ein Feedback geschickt:

Zum Ende seiner “Rede an den kleinen Mann” schreibt Wilhelm Reich:

“Ich danke meinem Schicksal, dass ich mich fern hielt vom Geschwätz böser Nachbarn und dass ich in wirren Zeiten die Richtung meines Wesens nicht verlor.
Denn ich habe immer in mich hinein gehorcht und ich bin stets der leise mahnenden Stimme nachgegangen, die mir sagte:
Es gibt nichts ausser diesem: das Leben gut und glücklich zu leben!
Folge Deinem Herzen, auch wenn es vom Pfade ängstlicher Seelen wegführt.”

Diese Haltung “weg vom Pfad ängstlicher Seelen” habe ich noch nie bei so vielen Menschen gleichzeitig erlebt, wie an unserem Wochenende, in guter Distanz zu jedwedem “bösen Geschwätz”.

Dafür meine herzlichen Dank an Euch alle!
Mein ganz besonderer Dank zusätzlich an Euch, mit denen es persönlicher, individueller, dichter wurde.

Wer, wie wir, ausgetretene Pfade verlässt, betritt Neuland, erschliesst terra incognita auf vielfältigen Wegen. Wir haben die Offenheit und Kraft, diese verantwortete Vielfalt zu leben.
Meistens!

Weshalb das oben leicht gekürzte Satzende von Wilhelm Reich hier noch nachgetragen sei:

“Folge Deinem Herzen, auch wenn es vom Pfade ängstlicher Seelen wegführt.
Verhärte nicht, auch wenn Dich mal das Leben quält.”

deja vue…

3 sat zeigt im Moment aussergewöhnliche Musikfilme. Gestern abend: “deja vue”. Der Film dokumentiert die “Freedom of speech” Tour von Crosby Stills Nash and Young im Jahr 2006.

Jetzt liegt die Ära Bush hinter uns. Das konnte im April/Mai 2006 (noch) niemand ahnen, als Neil Young in wenigen Tagen sein Album  “Living with War” heraus rotzte. Young hatte Bushs “Patriots Act” unterstützt. Um  so bedeutender dann seine Kehrtwende. Getreu seinem Bekenntnis, “I don’t have a view, I have an opinion that changes because everyday is a different day”, heist es im song “shock and awe” selbstkritisch:
“We had a chance to change our minds / but somehow wisdom was hard to find.”
Zu Youngs Projekt gehört eine bis heute fortgeführte und im Film immer wieder zitierte “Living with War” Webseite. Lieder und Songtexte waren bereits per Internet über eine Million mal verbreitet, bevor das Album veröffentlicht wurde.

Yesterday on Germans TV channel 3sat: “deja vue”, music documentary about the “Freedom of speech” Tour of Crosby Stills Nash and Young in 2006.

Die Stimmung, die ein Liedtitel “Lets impeach the President for lying…” auslöst, ebenso wie Youngs Intentionen  zeigt dieser Ausschnitt aus der TV serie “showbiz today” noch vor Veröffentlichung des Projektes:

So intim hatte es mit diesem Song bei den recording sessions  für
“Living with war” begonnen:

Hier ist das offizielle Release Video des Songs von Neil Youngs
“Living with war” Webseite:

Und so fühlt sich das ganze live auf der “Freedom of speech” Tournee an,
für die Neil Young dann auch seine Freunde CS&N gewonnen hat,
um die Titel von “Living with war” live zu spielen.

Immer wieder schafft es Neill Young unterbewusste Wünsche und
Hoffnungen der American People auf den Punkt zu bringen,
wie in der Beschreibung der Leerstelle, “Looking for a Leader”.
Darin die (fast) visionären Zeilen:
And maybe it’s a woman
Or a black man after all

Yeah maybe it’s Obama
But he thinks that he’s too young
Maybe it’s Colin Powell
To right what he’s done wrong

America has a leader
But he’s not in the house
He’s walking here among us
And we’ve got to seek him out

Das -für mich- Beeindruckenste  dieser Dokumentation:

Neil Young, wie Bob Dylan, Bruce Springsteen verbalisieren, was andere
nur diffus fühlen. Young formuliert diese Fähigkeit in einem Interview
mit Charlie Rose
:

“This is the essence of his feeling (…), you can not keep that. That comes
and goes through you. You can not strive to be that. There is no way you
own it. It is a gift that keeps on giving, then it goes away. Then it comes
back. And if you are ready to accept it, it is there.”

Weiterführend:
Neil Young Interview im “Rolling Stone”:
I never want to do another tour like that in my life…

“New York Times” über die hohe Suizidrate unter amerikanischen Kriegsverteranen:
“After Combat, Victims of an inner war”

so often neglected…

… the Universal Declaration of  Human Rights.
A great Film about things that should be granted and so seldom are.

Sie sollten garantiert sein. Doch betrachtet man diesen Film, kann man fast eine Strichliste führen. So unselbstverständlich ist die Achtung der Menschenrechte.

Lothar Gottfried

To something completely different again. This posting  is part of an experiment that I will reveal later. Anyhow: I am quite satisfied with my first name: Lothar. Family legend tells my parents have chosen it because my grandmere had her roots in Lorraine (Lothringen in Germain). Lorraine like the Alsace was a territory right between and very mixed between Franc and Germany. So my grandmere and her three children grew up perfectly bilingual.
I have a second first name however, more difficult to bear: Gottfried. I got it like many children after my Godfather. Sometimes late at parties I used to joke and let people guess my second name. No chance of course but a great laughter was guaranteed.
Nach dem Ghetto Warschau radikaler Themenwechsel. Dieser Beitrag ist Teil eines Experiments bei dem ich u.a. gegen einen Zahnarzt in Insbruck antrete. Wird später enthüllt, bleibt aber zunächst geheim. Meinen Vornamen “Lothar” mag ich sehr. Die Familiensage meldet man habe mich nach Lothringen benannt der Heimat meiner “grandmere” Anna. Die stammte aus Thionville (Diedenhofen) war selber zweisprachig. Das waren auch ihre drei Kinder und mein Vater Paul kultivierte diese frankophilen Wurzeln. Mit Baskenmütze erinnerte er entfernt an “Jacques, den Lebenskünstler aus Paris” aus der Picon – Werbung, an den die Älteren sich vielleicht noch erinnern können. Uns Kindern machte er jedenfalls klar, dass wir mindestens mit einem Bein nicht in dieses bigotte Nachkriegsdeutschland gehörten, vielmehr Halbfranzosen seien. Meinen zweiten Vornamen bekam ich wie viele Baby nach meinem Patentonkel: Gottfried. Damit tue ich mich, tut man sich, nicht ganz so leicht. “Gottfried”, das reichte allenfalls zu einem Scherz in vorgerückter Stunde: “Ratet mal meinen zweiten Vornamen?” Kam natürlich niemand drauf. Abschluss mit brüllendem Gelächter. Es hätte schlimmer kommen können: Gottfried als erster Vorname. Da kenne ich bisher erst einen Namensvetter. Da ist ganz andere Kreativität gefordert. Im Falle meines Namesvetters:  Streichung des göttlichen Teils und ein Leben als “Friedl”.

…kämpfen ohne Kraft und Hoffnung…

Der Warschauer Ghetto Aufstand beginnt am 19. April 1943. Am Morgen um sieben Uhr werden die ins Ghetto hineinfahrenden deutschen Panzer mit selbst gebauten Granaten und Molotowcocktails beworfen.   Die Deutschen trifft jüdischer Widerstand diesen Ausmasses unvorbereitet. Kein Soldat des angegriffenen Konvois überlebt.

220 jüdische Ghettokämpfer, jeder mit nur einen Revolver, fünf Handgranaten und fünf Benzinflaschen, bewaffnet kämpfen gegen die deutsche Übermacht. Ihnen stehen Tausende deutsche Soldaten, bewaffnet mit Panzern und Maschinengewehren gegenüber.

Unser Kampf  war hoffnungslos, wir führten ihn nur, um würdig zu sterben  und um den Moment des Sterbens so weit wie möglich hinauszuzögern. Es war ein Aufstand, um den Deutschen zu beweisen, dass eine kleine Gruppe ihren eigenen Überzeugungen folgt. Ohne Kraft. Es ist eine große Sache, wenn man ohne Kraft und Hoffnung kämpft.”
Marek Edelman, Anführer im Warschauer Ghetto.

Die Welt und das nicht jüdische Warschau sehen tatenlos zu. Der jüdische Kampf tobt nur wenige Meter von der Ghettomauer entfernt. Die Kämpfer können jenseits der Mauer ein Karussell sehen, Musik klingt herüber.  Frauen spielen mit ihren Kindern, während im Ghetto Menschen aus dem zweiten und dritten Stock brennender Häuser springen.

Mitte Mai, als die Deutschen systematisch Brandbomben in die Häuser werfen, ist der Kampf  verloren. Mordechai Anielewicz und die anderen Anführer des Ghettoaufstandes gehen am 7.Mai 1943 in Ihrem Führungsbunker gemeinsam in den Tod. Nur wenigen Kämpfern gelingt die Flucht durch die Kanalisation. Dann wird auch die durch die SS geflutet.

Am 16.Mai 1943 sprengt SS-Brigadeführer Jürgen Stroop persönlich die “Grße Synagoge” an der Tlomackie-Strasse. Sein Telegramm an das deutsch Kommando in Krakau lautet:
“Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk mehr in Warschau.”

17.000 Juden haben die Nazis im Ghetto ermordet, 7.000 nach Treblinka in die Gaskammern verschleppt, 42.000 in Arbeitslager bei Lublin deportiert. Rund 7.000 Juden liegen verschüttet unter den Trümmern des Warschauer Ghettos oder sind im Flammeninferno verbrannt.

Marek  Edelman, geflohen durch die Kanalisation, findet bei   einer polnischen Frau Unterschlupf.  Seine Versuche, sich polnischen Partisanen anzuschliessen, scheitern. Niemand will einen Juden als Partisan integrieren. Dabei hat er noch Glück. Jüdische Mitkämpfer werden -weil sie Juden sind- von Partisanverbänden erschossen . Edelman findet schliesslich eine kommunistische Einheit, die ihn akzeptiert. Als 1944 auch der Warschauer Aufstand verloren ist und die Partisanen als Kriegsgefangene aus der Warschau in die Gefangenschaft geführt werden, verstecken sich Edelman und die wenigen anderen jüdischen Kämpfer in den Trümmern der Stadt und entgehen so der sicheren Ermordung.

Am 2. Oktober ist Marek Edelman in Warschau gestorben.
Hier geht es zu seinem Bericht The Ghetto Fights.
Marek Edelman

Fighting without strength and hope…
Marek Edelmann the last surviving commander of the Warsaw Ghetto uprising died last Friday. A short memory in German plus a link to Edelmans report The Ghetto Fights.