“Stiller” von Max Frisch habe ich das erste Mal in der Oberstufe des Gymnasiums gelesen. Frischs Beschreibung der Möglichkeiten und Abgründe der “Ehe”, heute eher: “Partnerschaft” ist auch heute über 50 Jahre nach der ersten Veröffentlichung, 1954, kaum etwas hinzuzufügen:
Immer wieder muss ich feststellen, dass ich mich mit meinem Staatsanwalt, meinem Ankläger, besser unterhalte als mit meinem sogenannten Verteidiger. Das führt zu Vertraulichkeiten, die nicht ohne Gefahr sind. Heute zeigt er mir ein Foto von Sybille, seiner Gattin, die mich jedesmal grüssen lässt. Wir unterhalten uns lange über die Ehe; selbstverständlich ganz allgemein.
Mein Staatsanwalt hält die Ehe (offenbar haben ihn gewisse Erfahrungen daran zweifeln lassen) für durchaus möglich, wenn auch schwierig. Natürlich meint er die wirkliche, die lebendige Ehe. Zu den Voraussetzungen rechnet er unter anderem: das beiderseitige Bewusstsein davon, dass wir kein Anrecht haben auf die Liebe unseres Partners; die lebenslängliche Bereitschaft für das Lebendige, selbst wenn es die Ehe gefährdet, und also eine immer offene Tür für das Unerwartete, nicht für Abenteuerchen, aber für das Wagnis; in dem Augenblick, wo zwei Partner glauben, einander sicher zu sein, haben sie sich meistens schon verloren. Ferner: die Gleichberechtigung von Mann und Frau; Verzicht auf die Meinung, dass die geschlechtliche Treue hinreiche, und ebenso auf die andere Meinung, dass es ohne geschlechtliche Treue überhaupt keine Ehe gebe; eine möglichst weitgehende und lautere, nicht aber rücksichtslose Offenheit in allen Nöten dieser Art. Und wichtig scheint ihm auch der gemeinsame Mut gegenüber der Umwelt; ein Paar hat bereits aufgehört ein Paar zu sein, wenn einer der beiden Partner oder beide Partner sich mit der Umwelt verbünden, um den anderen Partner unter Druck zu setzen; ferner die Tapferkeit, ohne Vorwurf denken zu können, dass der Partner vielleicht glücklicher wird ohne uns; ferner die Fairneß, nie dem Partner einzureden oder sonstwie glauben zu machen, dass sein Austritt aus der Ehe uns töten würde usw….
All dies, wie gesagt, redet er ins allgemeine, dieweil ich das Foto seiner Gattin betrachte, ein Gesicht, das gar nicht allgemein ist, ein einmaliges Gesicht, lebendig, liebenswert im höchsten Grad, viel fesselnder als seine Rede, die doch nur wahr ist, indem er seine verschwiegene Erfahrung mit diesem Gesicht meint: dann gebe ich das Foto zurück.