Archive for April, 2007

Apr 29 2007

12 Stunden Zeit?

Published by Lothar Evers under Kulturtipp

Kurz nach dem Tod meines Vaters, also vor über 20 Jahren habe, ich mich mit der “Ästhetik des Widerstands” von Peter Weiss allein in Tante Berts winziges Bauernhaus in Omersbach zurückgezogen. Getrauert, geweint im Kontakt mit dem persönlichen Verlust und der Menschheitskatastrophe kurz vor meiner Zeit. Für B.W., meine grosse Liebe damals, habe ich bald nach diesen zwei Wochen in Omersbach ganze Kapitel der “Ästhetik” auf 90 Minuten Tonband Kasseten gelesen. Damals ahnte ich noch nicht dass ich mich später selbst in der Nähe der Überlebenden dieser Katastrophe einfinden würde. Die “Ästhetik des Widerstands” gehört zur essentiellen Literatur auf meinem Weg durchs Leben.

Am Sonntag den 6. Mai sendet WDR 3 von 12.05 bis 24.00 Uhr eine 12-stündige Hörspielfassung der “Ästhetik des Widerstands”. Die Ausstrahlung wird nur um 16 Uhr und 20 Uhr von den Nachrichten unterbrochen. Näheres auf den Webseiten des WDR und in in eine Presseinformation des Senders.

Für alle, die sich nicht 12 Stunden in die Kultur zurückziehen können, gibt es eine CD-Edition.

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Apr 29 2007

Imagine – Meisterklasse, oder:

Published by Lothar Evers under Alltagsschnipsel

wie kommt John Lennon zwischen die Tütensuppen?

Es ist noch gar nicht solange her, da habe ich “Imagine” life gehört. Joan Baez sang den Lennon Klassiker bei Ihrem Konzert in der Bielefelder Stadthalle. Vielleicht wegen dieser Aktualisierung und der eingängigen Melodie zuckte ich unmittelbar zusammen. Samstäglicher Einkauf im Mayener “Kaufland”, noch auf der ersten grossen Geraden in die Tiefe des Supermarktes hinein, unüberhörbar:

Imagine there’s no heaven
It’s easy if you try
No hell below us
Above us only sky
Imagine all the people
Living for today…

You may say I’m a dreamer…” heisst bekanntlich etwas weiter in LennonsText. Dass hier war kein Traum. Das war nicht weichgespült nach Methode Clayderman. Das war John Lennon himself. “Imagine” würde mich also mindestens bis zur Käsetheke begleiten: Tief durchatmen…!

Die Körperverletzung via Backgroundmusik nervt zwar. Bisher hatte ich den Kampf dagegen jedoch nie in meine Lust am Querstellen einbezogen. Bewundert hatte ich Frau B.: als Guerillakämpferin der Stille und Konzentration hinterlies sie Feedbackkärtchen. Doppelte Vistenkartengrösse diskret doch leicht zu finden an den Tatorten des berieselt werdens zurückgelassen: “herzlichen Dank, dass man bei Ihnen in Ruhe sitzen konnte“, oder auch: diese Hintergrund”musik” bezeichne ich als Körperverletzung und Anschlag auf jeden kulturellen Geschmack.

An der grossen Linkskurve zu den Molkereiwaren toppte die Supermerktunterhaltungsindustrie jede Paranoia: der Soundpegel für John wurde leicht zurückgezogen und eine dieser Profisprecher Marke “Praktiker Baumarkt” hijackte den Song: “Maggi Meisterklasse, jetzt die neuen Sorten y z und x, in dieser Woche nur…“. Den Preis hab ich vergessen. Dann wieder Lennon, der aber jetzt langsam zum Schluss kommen musste:

No need for greed or hunger
A brotherhood of man
Imagine all the people
Sharing all the world…

You may say I’m a dreamer
But I’m not the only one
I hope someday you’ll join us
And the world will live as one

Bleiben die Fragen:
An wen hat Yoko Ono die Rechte an “Imagine” verkauft?
Hat sie geahnt, das diese Hymne zur Tatwaffe gemeiner Supermarktdiskjokeys werden würde?
Wer wird es ihr erzählen?
Wird Sie dieses Verbrechen stoppen?
Zahlt Maggi für diese Werbeeinblendungen am Point of Sale?
Hat da etwa jemand geziehlt “Imagine” unter die Meisterklasse gelegt?
Oder: laufen die beiden “Programmteile” separat und paaren sich nur nach den Gesetzen des Zufalls?
Kann man das bitte für die Zukunft verhindern?

Vielleicht:
demnächst mehr
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Hi, english Readers, you recognized the song:
“Imagine” by John Lennon. Two weeks ago the “Imagine” got hijacked inside Kaufland Supermarket in Mayen. The song was forced, to function as ambient Musik for Saturday shoppers. Worse: right in the middle an actor interrupted John to apraise the new taste in the Maggi instant soup empire: Meisterklasse.
A bit impressionistic, this text, which in english I could only try verbally…

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Apr 23 2007

Hallo, wir leben noch…

Published by Lothar Evers under Shoah

Vor einer Woche war in Israel Yom Ha Shoah, der nationale Holocaust – Gedenktag. Die Lage der Überlebenden der Schoah dort scheint sich dramatisch zuzuspitzen:

Zeev Factor, chairman of the Holocaust Survivors Welfare Fund, says that 80.000 Shoah-survivors out of the 250.000 living in Israel live in poverty and many of them are hungry on a regular base,

berichtet Transponder 48 . 20 Überlebende der Shoah und ca. eintausend junge Menschen, meist Schulkinder und Pfadfinder demonstrierten an Yom Ha Shoah vor der Knesset in Jerusalem:

If these kids are all the support that stands up for the Dignity of the Shoah-Survivors, then they are surely forgotten.
During the last few years, the survivors have started going back to Germany. In Germany they have an reasonable pension of around 6000 NIS and free Medicare. It can’t be more ironical and has a strong symbolical meaning, that they are going back to Germany, in order to live a better life, before they die.

Instead Germany should guarantee a dignified living for all survivors of Shoah and Concentration Camps. It is a shame to force them out of their home country just to be eligible vor these payments.

Stattdessen sollten wir den Überlebenden der Konzentrationslager und der Shoah die Leistungen der deutschen Pflegeversicherung in deren Heimatländern auszahlen! Mit 80 Jahren dürfen sie nicht erneut zur Migration gezwungen werden.

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Apr 21 2007

Tod eines Kunden….

Published by Lothar Evers under ...in the News

Sascha K. (20) auf den Titelseiten der Boulevardpresse:
postmortem.
Verhungert neben seiner ebenfalls abgemagerten Mutter Elisabeth (48) in Speyer. “Keinerlei Lebensmittelvorräte” habe man in der penibel aufgeräumten Zweiraumwohnung gefunden, vermerkt der Polizeibericht. Ein Kunde weniger für die Gesellschaft für Arbeitsmarktintegration Vorderpfalz-Ludwigshafen (GfA) . Die war für Sascha K. zuständig. Irgendwie. Zuständig in jedem Fall für die Arbeitsmarktintegration der “Bedarfsgemeinschaft”, die Sascha zusammen mit seiner Mutter für die AfA darstellte. Eine Kundenbeziehung eben, in den engen Grenzen des Firmenauftrages. Jetzt ist “König Kunde” verhungert und nach Monaten des Schweigens und der Einsamkeit Familie K. erneut Gegenstand öffentlichen Interesses: der Boulevardjournalisten, Verbandspressesprecher und (hoffentlich nicht) auch noch der Damen und Herren Talkmaster nach Genesung der Mutter. Unter Erklärungsnot: Afa und Stadt Speyer: „Irgendeine Auffälligkeit war für uns nicht erkennbar“, fasst der für die “Kunden” in Speyer zuständige Geschäftsführer Hans Grohe zusammen: „wir können uns keine Hausbesuche leisten““.
Das ist natürlich flott dahin gelogen. Selbstverständlich veranstaltet die GfA Hausbesuche. Die dienen jedoch nicht der Kundenbindung sondern -wie bezeichnet man das Gegenteil-?
“Kundenvergraulung”?
Grohe zur Seite steht der Bürgermeister von Speyer Hanspeter Brohm: „die Passivität der beiden hat den Tod des jungen Mannes verursacht“. Er, Brohm sei aber umgehend zu Frau K an das Krankenbett geeilt und habe ihr Wohnung und Geld versprochen.
Feudalismus: einem deutschen Bürgermeister (immer noch?) vertrauter als kommunale Dienstleistung?

Soweit ich weiss, kann man sich kaum dagegen wehren, von der Arbeitsverwaltung als “Kunde” bezeichnet und mit entsprechenden Kundennummern versehen zu werden. Mögen jene Spindoctoren, die solche Euphemismen in “Hartz IV” formuliert haben, an ihren eigenen Begriffen ersticken.

Saschas einsamer Tod in Speyer verweist jenseits aller Sensationsgier und Empörung auf den gefährlichen Strukturwandel nach Hartz IV: die Kommunen sind froh, ihre arbeitsfähigen Sozialhilfeempfänger an die Arbeitsverwaltung abspielen zu können. Diese regelt Kundenbeziehungen mit denjenigen, die stark und leistungsfähig genug sind, im bürokratischen Zirkus nach Hartz IV durchzuhalten.

Bei diesem Scenario gibt es einen grossen Verlierer: diejenigen, die diesem Spiel nicht gewachsen sind. Für sie gabe es früher ein Rückfahrticket in die Welt der Fürsorge. Rechtlich ist die Sozialhilfe auch heute für sie zuständig. Zuständig für diese rückkehr aus der Sackgasse fühlt sich dafür, nicht nur in Speyer: niemand.
“Tutto a posto, niente in ordine!”.

Wer aus der Kundenkartei der ARGEs aussortiert ist, und keinen neuen “Laden” findet, beendet seine Existenz im Radar der Sozialbürokratie. Das kann auch mit dem physischen Exitus enden.
Gefahr erkannt, Gefahr gebannt?
Nicht ganz! Hans Grohe und Hanspeter Brohm ahnen immerhin, dass Ihr (unser?) Geschäftsmodell noch die eine oder andere Optimierungsmöglichkeit vertragen könnte:
Vielleicht müssen wir von uns aus auch in anderen Fällen doch aktiver werden“, stammelt Grohe.
Künnt wohr sinn…, sagt der Kölner.

English summary:
Last week Germanys media covered the story of a 20 year old starved to death beside his 48 year old mother in the German City of Speyer. Since autumn 2006 both had no longer applied to lokal authorities. They had ended there social live. Now, postmortem we see them on the front pages of Germanys tabloid newspapers.
The article quotes some officials, among them the mayor of Speyer. Plus: some analytic remarks, how this spectacular case relates to changes of legislation on unemployment benefits and social security known here in Germany under the topic “Hartz IV”.
_________________
Background:
Forum der Süddeutschen mit Kommentaren anderer GfA Kunden: SZ
Besuch in Speyer von Harald Biskup (Kölner Stadt Anzeiger): KSTA

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Apr 20 2007

La Mome…

Published by Lothar Evers under Lyrics & Songs

… bedeutet im Französischen soviel, wie: “Das Gör…”.
“La Mome” ist der Originaltitel des Films über Edith Piaf, der bei uns unter dem etwas süsslichen (Lied)titel “La vie en rose…” in die Kinos gekommen ist. Brilliant inszeniert, eine Entdeckung: Marion Cotillard als Piaf.
Mein Vater war grosser Piaf Fan.
Ich erinnere ihn “Je ne regrette rien” schmetternd in unserem Wohnzimmer. Ungewöhnlich für einen deutschen Mann in den frühen 60er Jahren….

“Triumph and Disaster” zu Ehren von Edith Piaf, Marion Cotillard und Paul Evers proudly presents:
Edith Piaf: “Non je ne regrette rien” in einer frühen Schwarzweissaufnahme:
[youtube d5MUs9l66oY]

Georg Stefan Troller portraitiert Edith Piaf für sein “Pariser Journal” im Jahr 1962:
[youtube NqNwEfrtJBk]

For the english readers:

I watched the french Film “La Mome” recently.
Marion Cotillard stars as Edith Piaf.
Piaf belonged to my fathers heroines.
My grandmere (his mother) was born in Alsace Lorain. She and her two sibblings during world war two where citizens of three different nations (German, French and Luxemburg).
Grandmere and her three children lived up to this semi french origin and cultivated it verbally and a la cuisine.
I liked the idea of being half french.
Like my father I proudly wore my barret basque.
I do not know exactly how old I was, maybe six or eight when I heard my father sing “Je ne regrette rien” in our living room.
Not so common, I guess, for a respectable German husband in the sixties.
The first video here shows Edith Piaf performing.
The second is an interview conducted by Georg Stefan Troller one of the best documentarists in German with Piaf and her husband Theo Sarapo.

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